Die vier Grundformen der Angst

Welche Coronapersönlichkeit sind Sie?

Unser Unterbewusstsein bewertet Menschen in weniger als einer Sekunde als angenehm oder unangenehm. Erst wenn wir länger in Kontakt stehen, folgt eine differenziertere Sicht. Allerdings nicht immer. Denn viele Menschen laufen stets mit einer Art Mundschutz herum. Sie bauen eine Maske um sich auf, sagen nicht, was sie denken und verhalten sich so, dass ihr wahres Innere möglichst nicht nach Außen gelangt.

Das kostet Energie, Energie, die in Krisenzeiten nicht mehr zur Verfügung steht. Unter unseren Freunden, Bekannten und Nachbarn verhalten sich in Coronazeiten daher manche plötzlich anders, als wir es erwartet hätten. Manche zeigen ungeahnte Stärke, viele reagieren mit Angstsymptomen, alle wirken echter. Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte schon: „In der Krise beweist sich der Charakter.“ Recht hatte er.

Charakter ist eine sehr stabile Eigenschaft des Menschen. Erforscht wird er in der Persönlichkeitspsychologie. Schon der griechische Arzt Hippokrates sprach im 4. Jahrhundert v. Chr. von den vier Persönlichkeitstypen, dem aufbrausenden Choleriker, dem langsamen Phlegmatiker, dem besorgt pessimistischen Melancholiker und dem eher sorglosen Sanguiniker. Diese Typen leben heute noch fort, etwa in den Persönlichkeitsdimensionen des deutsch-britischen Psychologen Hans Jürgen Eysenck.

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann veröffentlichte 1961 sein bahnbrechendes Werk „Grundformen der Angst“. Vier Formen sind danach so dominant, dass sie vier typische Persönlichkeiten hervorbringen.

1. Die zwanghafte Persönlichkeit

Sie ist für Deutschland geradezu typisch. Dieser biedere Ordnungsmensch möchte Stabilität und Verlässlichkeit, Regeln und Normen, Gesetz und Befehl. Anordnungen gehorcht er peinlichst genau. So auch in Coronazeiten. Am liebsten noch mit einem unterwürfigen „Jawoll Frau Bundeskanzlerin!“

Angst besteht vor Unvorhergesehenem und Veränderung. Also füllt er in der Krise schnell seinen Vorrat an Nudeln, Mehl und Toilettenpapier auf, damit alles so weitergeht, wie bisher. Und wehe, andere halten sich nicht an die Regeln, da kann er sich schnell zum Denunzianten entwickeln, der seine Nachbarn und Kollegen verpfeift. Als treuer Untergebener ist er ein Liebling staatlicher Macht. Er stabilisiert ja das bestehende System.

2. Die histrionische Persönlichkeit

Als genaues Gegenteil des Spießbürgers möchte die histrionische Persönlichkeit Wandlung und Veränderung und ist immer auf der Suche nach dem Neuen. Sie ist spontan und ihre Interessen wechseln wie die Jahreszeiten. Jede neue Hype ist willkommen. Mit vollem Engagement kämpft sie gegen den Hunger in der Welt, will dann stattdessen das Klima retten, bis sich danach alles um Corona dreht. Denn sie hat Angst vor Ordnung und Stetigkeit. Für den Staat ist sie ungefährlich, solange man ihr immer wieder ein neues Thema präsentiert. Viele Pressevertreter lieben heutzutage diese Persönlichkeit.

3. Die depressive Persönlichkeit

Diese Menschen sind sehr beziehungsorientiert und typische Gruppenmenschen. Sie tun, was die anderen auch tun. Denn in der Gruppe findet man Halt. So tauscht man sich via Handy intensiv darüber aus, wie die beste Coronamaske zu nähen ist und imitiert gerne vielgelikte Stoffkunstwerke. Die depressive Persönlichkeit hat große Angst vor der Selbstwerdung, vor Isolation und Ungeborgenheit. Daher lässt sie sich bequem lenken, so wie es der Schäferhund mit seiner Herde macht. Sie ist das, wovon jede Regierung nur träumen kann, solange man nur Angst erzeugt, aber zugleich eine gemeinsame Rettung verkündet. Zusammen schaffen wir das.

4. Die schizoide Persönlichkeit

Sie ist konträr zur depressiven Persönlichkeit und möchte eigenständig und autark leben, ohne von einer Gruppe gesteuert zu werden. Vor dem Aufgehen in der Masse besteht eine große Angst, es käme für sie dem psychologischen Tod gleich. Die Menschen dieser Persönlichkeit reagieren in zwei unterschiedlichen Weisen. Die einen flüchten vor der Realität und verdrängen die Probleme. Sie gehen lieber Wandern und posten Fotos von Blümchen und süßen Kätzchen; so lange, bis sie die Realität einholt und es für Protest zu spät ist.

Bei anderen wächst die Wut. Sie werden in Krisen als erste gegen die Verursacher vorgehen, protestieren und demonstrieren. Sie sind für bestehende Systeme die größte Gefahr. Daher versucht der Staat, ihrer durch Demonstrationsverbote, Meinungsunterdrückung und Verunglimpfung Herr zu werden. Das gelingt eine Zeit, steigert aber die Wut immer mehr, bis es schließlich zu hoffentlich friedlichen Revolutionen kommen kann.

Angstfreiheit besteht übrigens genau auf der Mitte der vier Grundängste (siehe Abbildung). Dort befinden sich die stabilen Menschen mit Verstand und Charakterstärke, auf die ein demokratisches Staatswesen angewiesen ist. Autoritäre Staaten schüren Ängste, um die Menschen zu lenken. Demokratien erhalten sich dagegen genau durch diese selbstbewussten, von Moral und Vernunft gesteuerten mutigen Menschen.

Welche Persönlichkeit offenbart sich bei Ihnen und Ihren Mitmenschen in der Coronazeit? Wahrscheinlich von allen vier etwas. Oder ist eine Angst dominant? Dann keine Angst bitte. Jeder Mensch hat es in der Hand sich zu entwickeln. Durch selbständiges Nachdenken und den Entschluss, sich seinen Ängsten zu stellen, werden die wahren Helden geboren.

Dr. Jürgen Wächter

Literaturempfehlung: Fritz Riemann, Grundformen der Angst, 1961, mehrere Neuauflagen.

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